Stefan Gandler – Ansätze einer Kritischen Theorie in Lateinamerika

Vortrag: „Ansätze einer Kritischen Theorie in Lateinamerika“
Stefan Gandler
Universidad Autónoma de Querétaro/Universidad Nacional Autónoma de México

Ausgehend von der Einsicht, dass die Kritische Theorie der Gesellschaft (Horkheimer, Marcuse, Benjamin, Neumann, Kirchheimer, Adorno) im allgemeinen den Teil der Welt vor Augen hatte, der heute ideologisch „erste Welt“ genannt wird, und in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Teil der Welt nur den geringsten Anteil der Weltbevölkerung ausmacht, ist es darum zu tun, eine kritische Theorie für die „Restwelt“ zu entwickeln. Ansätze dazu sind z.b. im Werk des ecuadorianisch-mexikanischen Sozialphilosophen Bolívar Echeverría zu finden.
Um die tiefsten Fundamente der kulturellen Mestizaje und zugleich ihre Auswirkungen in Abgrenzung zu den Gesellschaften, wo sie nicht existiert, zu untersuchen, entwickelt Echeverría den Begriff des historischen Ethos. Dieser von Bolívar Echeverría eingeführte Begriff geht in seiner inhaltlichen Bestimmung von realen Subsumtion der Gebrauchswertproduktion unter die Wertproduktion aus. In letzter Instanz tendiert die kapitalistische Produktionsweise dazu, alle Gebrauchswerte zu zerstören, ihrer destruktiven Logik zu opfern, d.h. die kapitalistische Form der gesellschaftlichen Reproduktion macht das Leben der Menschen in ihr tendenziell unlebbar.
Bolívar Echeverría unterscheidet in der Gegenwart vier grundlegenden Formen „das Unlebbare“ zu leben: das realistische Ethos, das romantische Ethos, das klassische Ethos und das barocke Ethos. „Im Prinzip gibt es also vier verschiedene Möglichkeiten, die sich anbieten, die Welt innerhalb des Kapitalismus zu leben. Jede von ihnen impliziert eine besondere Haltung gegenüber der die kapitalistische Realität darstellenden widersprüchlichen Tatsache – sei es eine anerkennende oder nicht-anerkennende, sei es eine distanzierte oder teilhabende.“ Echeverría geht davon aus, dass heute das realistische Ethos das weltweit vorherrschende ist. Allerdings gibt es, aufgrund unterschiedlicher historischen Voraussetzungen in verschiedenen Gegenden der Erde jeweils eigene Formen der Koexistenz bestimmter anderer historischer Ethen mit dem realistischen. Während das realistische Ethos in den Ländern Mittel- und Nordeuropas und den USA relativ unbestritten vorherrscht, besteht nach Echeverría in Lateinamerika, insbesondere Mexiko eine unübersehbare Koexistenz des barocken mit dem realistischen Ethos. Dieses barocke Ethos, das aus der Perspektive der Länder des realistischen Ethos, vormodern, überholt und nur ein Rest alter Gesellschaften ist, ist aus Echeverrías Perspektive eines unter den vier gegenwärtig bestehenden modernen Ethen. Von seinem Verständnis könnte die Möglichkeit ausgehen, Ansätze einer Kritischen Theorie in Lateinamerika zu entwickeln.

1: Bolívar Echeverría, “El Ethos Barroco”. In: B.E. (Hrsg.), Modernidad, mestizaje cultural y ethos barroco. México, UNAM/ El Equilibrista, S. 13-36, hier: S. 19.

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