Mit W_Orten Sprache queeren – Ausstellung und Lesung im Rahmen der kritischen Universität Innsbruck

Mit W_Orten Sprache queeren
Judith Klemenc (Hg.)
Kritische Uni Innsbruck

Datum: Freitag, 22.01.2016
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Die Bäckerei (Dreiheiligenstraße 21a, Innsbruck)

W_Orte, was heißt das, was könnte dies heißen, was würde dies für uns, für eine_n selbst heißen? Ja, und vor allem, an wen würden sich W_Orte richten, wer wird da an_gesprochen, und vor allem, wer nicht? Wem werden W_Orte zu_ und ein_ gesprochen, gar ver_sprochen? Welches Ver_Sprechen lauert in der Sprache, durch die sich etwas und eben auch nicht aus_drückt?
Und was heißt queer_en? Was könnte es heißen, für uns, für eine_n selbst, die w_orten?

Diesen Fragen stellten sich im Rahmen der Lehrveranstaltung „mit W_Orten Sprache
queeren“ von Judith Klemenc Student_innen* der kritischen Universität Innsbruck, namentlich sei erwähnt Florian Naschberger, Stephanie Pörnbacher, Esther Spiegel und Hannes Wendler, um mittels Prosa, Lyrik, konkreter Poesie, Installation, Video … zu ver_antw_orten.

Bzgl. Infos zum Katalog könnt ihr euch an Judith Klemenc wenden. mail@judithklemenc.at
& bzgl. Manuskript zum Seminar an Hannes Wendler

LVs der Kritischen Uni im WiSe 2015/2016

Einführung in die Kritische Psychologie
Niemetz Tassilo, BSc MSc
Vogler Tanja, BSc MSc

Lernergebnis:
Die Teilnehmenden sollen sich einen Überblick über die Grundlagen (philosophische, wissenschaftstheoretische, gesellschaftstheoretische, methodologische) der Kritischen Psychologie, sowie der Ergebnisse der Kritisch psychologischen Kategorialanalyse erarbeiten. Es soll kritisches Denken auf Grundlage der Erkenntnisse der Kritischen Psychologie ermöglicht werden. Insgesamt sollen Einblicke in alternative Psychologie(n) gegenüber traditionellen Ansätzen erfolgen.

Inhalt:
Das Seminar soll eine Einführung in die Grundlagen der Kritischen Psychologie im Sinne Holzkamps darstellen. Kritische Psychologie ist ein, seit den 1970er Jahren erarbeitetes Paradigma der Psychologie, welches auf den historischen Materialismus aufbaut. Es existieren viele kritisch psychologische Ansätze, wie beispielsweise die Psychoanalyse, kulturhistorische Ansätze, feministische Psychologien und poststrukturalistische Richtungen. Gemeinsam ist ihnen zum einen ihre Kritik und Abgrenzung vom experimentell orientierten Mainstream der Psychologie und andererseits die „Auseinandersetzung mit irgendeinem Aspekt des gesellschaftlichen Status quo“ (Markard, 2009). Der Kritischen Psychologie kommt in dieser Vielfalt aufgrund ihres paradigmatischen Charakters eine Sonderrolle zu. Im Rahmen dieses Seminars sollen sich die Teilnehmenden aktiv mit der Kritischen Psychologie Holzkamps auseinandersetzen, welche über reine Kritik hinaus einen alternativen wissenschaftstheoretischen und methodologischen Ansatz bietet.

Kritik am Mainstream, Psychophylogense, historisch-funktionale Rekonstruktion des Psychischen, Kritisch-Psychologische Kategorialanalyse, Kategorien des Psychischen: Handlungsfähigkeit – Denken – Emotionalität – Motivation, Handlungsfähigkeit im Kapitalismus.

Arbeit – Müßiggang – Zeitwahrnehmung
Prof. Keller Friedrich, PhD

Lernergebnis:
Überprüfung der 1883 von Paul Lafargue im Pamphlet „Das Recht auf Faulheit – Widerlegung des Rechts auf Arbeit “ formulierten These:
Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder, in denen die kapitalistische Zivilisation herrscht. Diese Sucht, die Einzel- und Massenelend zur Folge hat, quält die traurige Menschheit seit zwei Jahrhunderten. Diese Sucht ist die Liebe zur Arbeit, die rasende, bis zur Erschöpfung der Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehenden Arbeitssucht.

Inhalt:
Exemplarische Aufarbeitung folgender Themenkreise:

Zwangsarbeit als Basis von Kultur/ Zivilisation (Sklaven, Leibeigene, Arbeitshäuser – Gefängnisse)
Veränderung der gesellschaftlichen Wert-/ Gering-Schätzung von Arbeit in der Antike, im Feudalismus und im Kapitalismus
Zeitmessung als Instrument ökonomischer Veränderungen
Industrielle Reservearmee als Instrument des Lohndumpings
Arbeitslosigkeit als Stigma
Arbeitszeitverkürzung als Mittel gesellschaftlicher Veränderung
(Post)-Fordismus

Weibliche- männliche Arbeit
Geschlechtsarbeiterinnen
Entfremdete – schöpferische Arbeit (Hobby)

Neustrukturierung von Arbeit in der globalisierten Gesellschaft

Einstellung von religiösen und politischen Gemeinschaften (Frühchristentum, Klöster/ Subotnik in der UdSSR, Arbeitsmythos in der Sozialdemokratie)
Wertschätzung der Arbeit/ des Müßigganges im Spiegel philosophischer/ literarischer Texte

Präsentation von Arbeit in Filmen:
Charly Chaplin: Modern Times (You-tube)
Glawogger Michael: Workingmans death (You tube)

Patriarchat und Kapitalismus. Die gesellschaftliche Basis intersektionaler Herrschaftsverhältnisse.
Mag. Mag. Dr. Flatschart Elmar

Lernergebnis:
Verständnis des Zusammenhangs patriarchaler und kapitalistischer Verhältnisse; Fundierung der Analyse intersektionialer Herrschaftsartikulationen.

Inhalt:
In rezenten kritischen Debatten wird ein besonderer Fokus auf das Problem intersektionaler Herrschaftsartikulationen gesetzt. Es geht dabei meist darum, den Zusammenhang von verschiedenen Macht- und Herrschaftsachsen in ihrer konkreten Aktualisierung zu bestimmen. Dabei werden etwa konkrete Akteur/innen analysiert und festgestellt, wie und ob sie von verschiedenen Unterdrückungsformen betroffen sind. Bisweilen werden auch Strukturen benannt, die für diese Unterdrückung verantwortlich sind. Weniger verbreitet ist allerdings Begründung und mechanismische Erklärung jener Strukturen selbst, mithin fehlt eine stratifiziertes Emergenzverständnis, dass jene Strukturen und aktuale/individuelle Unterdrückungserfahrungen miteinander kausal verknüpft.

Diese Verknüpfung kann nur dann erfolgen, wenn die kontingenten Erscheinung bzw. die unverbunden bleibenden Strukturen im Kontext einer gesellschaftstheoretischen Rahmung erklärt werden und auf diese Weise in ihrer bestimmten Relation erörtert werden. Diese gesellschaftstheoretische Rahmung fehlt in neueren Analysen oftmals. Sie muss allerdings nicht gänzlich neu erfunden werden, in vieler Hinsicht kann an bestehende ältere Theorievorschläge angesetzt werden, die sich v.a. mit dem Verhältnis von Patriarchat und Kapitalismus als gesamtgesellschaftliche Mechanismen beschäftigt haben. Auch wenn damit auf den ersten Blick nicht alle aktualen Unterdrückungserfahrungen abgedeckt sind, kann eine derartige Rahmung über verschiedene Vermittlungsebenen doch dazu beitragen, auch solche Artikulationen zu fundieren, die nicht in den klassischen Subjektentitäten „Geschlecht“ und „Klasse“ aufgehen. In der Tat kann nachgewiesen werden, wie derartige und andere Subjektivitäten der Ausdruck einer spezifischen Herrschaftsformation sind, die zwischen subjektloser und partikularisierender Herrschaft oszilliert.

Im Seminar wird es darum gehen, diesen theoretischen Zusammenhangnachzuvollziehen. Dabei wird ein dreigliedriger Aufbau zugrunde gelegt. In einemersten Block werden kapitalismuskritische Überlegungen besprochen undhinsichtlich ihrer (fehlenden) Offenheit für eine gesellschaftstheoretischePatriarchatsanalyse befragt. In einem zweiten Block werden jene vornehmlichfeministisch orientierten Ansätze besprochen, die – von derkapitalismustheoretischen Beschäftigung herkommend – diegesellschaftstheoretische Patriarchatsanalyse kategorial weiterentwickelten.Schließlich werden in einem dritten Block die Anknüpfungspunkte für eineintersektionale Analyse thematisiert, wobei v.a. Texte privilegiert werden, die sichmit der Kompatibilität von subjekttheoretischen bzw. intermediären und abstraktgesellschaftlichenTopoi beschäftigen.

Mit W_Orte Sprache queer_en
Mag. Dr. Klemenc Judith

Lernergebnis:
Texte, deren W_Orte eine Sprache queeren und in einer Publikation heraus_ge_geben werden. Prä_sentation und Lesung am 22. 1. 2016 um 19.00 in der Bäckerei, Dreiheiligenstraße 21a, 6020 Innsbruck.

Inhalt:
W_Orte, was heißt das, was könnte dies heißen, was würde dies für uns, für eine_n Selbst heißen? Ja, und vor allem, an wen würden sich W_Orte richten, wer wird da an_gesprochen und vor allem wer nicht? Wem werden W_Orte zu_ und ein_ gesprochen, gar ver_sprochen? Welches Ver_Sprechen lauert in der Sprache, durch die sich etwas und eben auch nicht aus_drückt?

Und was heißt queer_en? Was könnte es heißen, für uns, für eine_n Selbst, die w_orten?

Diesen Fragen soll in einem ersten Seminarblock nach_gegangen werden. Und dies im w_örtlichen Sinne. Ein Nach_Denken im Gehen, ein dialogisches Sprechen als eine Form inter_aktiven Arbeitens an und mit Frage_Stellung_en, die W_Orte und Queer_en thematisieren.

In einem zweiten Seminarblock sollen W_Orte ver_ und ge_sucht werden, durch das etwas zum Sprechen kommt, das eine Sprache queer_t. Sich queer durch Texte aus_drückt, sei es mittels Prosa, Lyrik, Drama, Auf_Sätze …

Im dritten Seminarblock werden jene W_Orte, jene Texte ver_antworten. Auf Hörer_innen, Leser_innen, Schreiber_innen, auf Sprecher_innen … sie werden eine Sprache ver_antworten, durch die sich etwas und eben auch nicht aus_drückt. Dieses Etwas wird es sein, das sich queer legt, darüber, darin und daraus.

In einer Publikation, die am 22. 1. 2016 um 19.00 in der Bäckerei prä_sentiert wird.

Hannes Wendler hat das Manuskript „Alterität – ψεῦδος – … Mit W_orten Sprache queeren“ verfasst, welches du hier als PDF herunterladen kannst. LINK

Ansätze biologischer Theoriebildung: die mögliche Bedeutung feministischer Kritik (Abstract)

Audiomitschnitt zum Vortrag

Abstract

Was heisst feministische Kritik in den Biowissenschaften?
Welche Voraussetzungen hat sie?
Welche Bedeutung kann sie haben fuer die biologische Theoriebildung?
Diese Fragen werden anhand ausgewählter Beispiele diskutiert und dazu Thesen zur Diskussion gestellt.
„Feministische“ Kritik wird in Beziehung gesetzt zu anderen Formen der Kritik wie Kritik am Rassismus und ökologische Kritik.

Literatur:

– The Biology and Gender Study Group: The Importance of Feminist Critique for Contemporary Cell Biology, in: Tuana, Nancy (Hg.): Feminism & Science, Bloomington 1989, S. 172-187, online zus. mit update 1994: http://zygote.swarthmore.edu/fert11a1.html (includes a proposal for methods
in cell biology)

– Emily Martin: The Egg and the Sperm: How Science has constructed a romance based on stereostypical male-female roles, in: Signs. Journal of Women in Cultur and Society, 1991, Vol. 16, No. 3, S. 485-500.

– Margarete Maurer: Zur These von der Universalität des genetischen Codes – ein Beispiel zum methodischen Ansatz, in: Dies. u.a.: Forschen Frauen anders?, Wien (Druck in Vorbereitung, siehe Campus).

– Sue V. Rosser: Critiques of Research in Cellular and Molecular Biology,
in: Dies.: Biology and Feminism: A Dynamic Interaction, New York (Twayne) – Toronto (Maxwell Macmillan Canada), Series „The Impact of Feminism on the Arts & Sciences“, 1992, S. 70-85.

– Anne Fausto-Sterling: Gefangene des Geschlechts? Was biologische Theorien über Mann und Frau sagen, München (Piper) 1988 (amerikanisches Original 1985).

Curriculum:

Academic education:
Multiple studies in Biochemistry, Philosophy, and Sociology at the Universities of Tuebingen, Osnabrueck and Vienna.

Professional activities:
Since 2005 „free lanced“ scientist and lecturer for theoretical & societal aspects in the Life Sciences, at the universities of Innsbruck and Vienna, especially in regard to „nature“, „gender“ and „technology“.
Since 2003 Senior researcher Rosa-Luxemburg-Institut 2003 and 1991-92 visiting professor at the German universities of Kassel and Koblenz-Landau.
1999-2000 Evaluation Expert for the European Commission (5th FP: „Bioethics“ and „Technological Innovations“).
1990-2003 director of research at the non-profit, non-universitarian research institut „Rosa-Luxemburg-Institut“, with emphasis on „Gender & Science“ and „Gender & Development“.
1979-1998 university lecturer at the universities or technical universities in Tuebingen, Vienna, Hannover, and Graz.
1979-1982 teaching in non academic Adult Education and Advanced Training of Lecturers, with special focus on Methodology of Teaching; features for several radio stations about biotechnology, and about women in science and
engineering.

Auswahl an Publikationen:

– Margarete Maurer: (Bio-) Technologische Innovationen in Wechselwirkung – Sondierungen zur Analyse und Bewertung von Anthropotechniken, in: Peter Fleissner / Natascha Wanek (Hg.): Bruchstücke, Kritische Ansätze zu Politik
und Ökonomie im globalisierten Kapitalismus, Berlin 2009.

– Margarete Maurer: Genderaspekte in der internationalen
Forschungskommunikation, in: Josef Hochgerner/Irena Cornejová (Eds.): Communication in International R&D Projects. A Perspective from Social Sciences and Humanities, Brno 2008, S. 117-137.

– Margarete Maurer/Otmar Höll (Hg.): Natur als Politikum, Wien 2003 (640 Seiten).

– Margarete Maurer: Sexualdimorphismus, Geschlechtskonstruktion und Hirnforschung, in: Ursula Pasero/Anja Gottburgsen (Hg.): Wie natürlich ist Geschlecht? Gender und die Konstruktion von Natur und Technik, Wiesbaden 2002, S. 65-108.

– Margarete Maurer: Wissenschaft in der Dissidenz: Feministische Forschung, Analyse und Kritik in und an den biologischen Wissenschaften – ein innovativer Impuls für Biologie, Frauen- und Genderforschung, in: Barbara Hey (Hg.): Innovationen 2. Standpunkte feministischer Forschung und Lehre, Wien 1999, S. 163-200.

– Margarete Maurer: Zum Konzept einer Kritischen Theorie der
Biowissenschaften, in: Jahrbuch für Geschichte und Theorie der Biologie II, Hg. von Hans-Jörg Rheinberger/Michael Weingarten, Berlin 1995, S. 29-40.

– Margarete Maurer: Frauenforschung in Naturwissenschaft, Technik und Medizin. Dokumentation und Bibliographie. Literatur, Zeitschriften, Adressen, Wien 1993 (650 Seiten).

– Margarete Maurer: Feministische Kritik an Naturwissenschaft und Technik. Grundlagen und Ansätze. Reihe Hochschuldidaktische Arbeitspapiere, Nr. 23, Hamburg 1989 (248 Seiten).

– Margarete Maurer: Wissenschaft und weibliche Erfahrung. Zu den Grenzen des Geschlechts in den Naturwissenschaften, in: Paul K. Feyerabend/Christian Thomas (Hg.): Grenzprobleme der Wissenschaften, Zürich 1985, S. 233-264.

– Margarete Maurer: Frauen in Naturwissenschaften und Technik, Wien, hg. von der Fakultätsvertretung der Formal- und naturwissenschaftlichen Fa kul tät der Universität Wien (NAWI), Wien 1982 (43 Seiten); erweiterte Neuauflage Wien 1985 (45 Seiten).

– Margarete Maurer: Natur in der Schule. Kritik und Alternativen zum Biologieunterricht (hg. zusammen mit Ernst Busche und Brunhilde Marquardt), Reinbek bei Hamburg (Rowohlt), 1978; darin ein Beitrag: Naturverständnis und Weltanschauung in Biologieschulbüchern, S. 57-130).

Ringvorlesung: Tausch von Vortragsterminen

Im Programm der Ringvorlesung findet ein Tausch von Vortragsterminen statt. Im Gegensatz zum bisher veröffentlichten Programm findet der Vortrag “Ansätze biologischer Theoriebildung: die mögliche Bedeutung feministischer Kritik” von Margarete Maurer am 21. Juni 2010 statt. Dafür wird am 7. Juni 2010 Pier-Paolo Pasqualoni seinen Vortrag „Suspekte Projekte: Kapitalismus und Kapitalismuskritik im Gefolge der 68er“ halten.

Bitte auch an jene Teilnehmer weitergeben, welche nicht regelmässig zur Ringvorlesung kommen.

Alte Quellen – modernes Denken. Kritik in der Alten Geschichte (Abstract)

Althistoriker sind Historiker – sie arbeiten mit Texten und Überresten, sie versuchen zu erklären und zu verstehen

fachspezifische Besonderheiten:

  • Texte: Begrenzung und Charakter
  • Überreste: Zunahme und Analysemöglichkeiten
  • Erklärungsbedarf

Beispielhafte Arbeitsfelder:

1. Kritik und Analyse sagenhafter Überlieferung

Erkennen von Mythen

Fragen nach

  • historischem Kern
  • historischem Hintergrund
  • Funktion und Intention
  • Realinformation versus Information über die Erzähler

Beispiele:

  • Trojanischer Sagenkreis
  • Landnahme Israels

2. Klassische Quellenkritik

Beispiele:

  • frühe römische Geschichte
  • Punische Kriege
  • Jüdischer Krieg

3. Kritische Analyse von Erklärungsmodellen und Geschichtsbildern

Beispiel: Historische und kulturelle Anfänge Europas

Schlussgedanken: Aktualität und Übertragbarkeit kritischen Denkens

(Abstract des Vortrages von Günther Lorenz im Rahmen der Ringvorlesung „Kritik und Universität?“ am 17. Mai 2010)

Die kritische Rolle der Kritik in der Wissenschaft

Vorweg: ohne Kritik keine Wissenschaft. Die beiden gehören notwendig zusammen und zumindest Wissenschaft kann es ohne Kritik (egal ob konstruktive oder nicht) nicht geben. Das muss betont werden, weil sonst im Folgenden der Eindruck entstehen könnte, Kritik wäre in Bausch und Bogen schädlich für die Verbesserung wissenschaftlicher Ergebnisse. Es verhält sich hingegen unbedingt so, dass Kritikfähigkeit – aktiv wie passiv; also sowohl die Fähigkeit, Kritik zu üben, wie auch die Fähigkeit sie anzunehmen und zu verwerten – eine unbedingte Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten ist. Man muss sich daran gewöhnen, kritisiert zu werden, auch wenn es emotional unweigerlich unangenehm ist, genauso, wie man in den Wissenschaften in der Lage sein muss, zu „kommunizieren“.

Der generelle Zweck von Kritik in den Wissenschaften sollte wohl die Qualitätskontrolle sein. Es geht darum, sowohl zu verhindern, dass schlechte Forschung publiziert wird (a- bzw. Typ-I-Fehler) als auch, dass gute Forschung nicht publiziert wird (b- bzw. Typ-II-Fehler), auch wenn diese beiden Ziele sich gegenseitig zu einem gewissen Grad ausschließen. Es geht zudem darum, Forschungsarbeiten zu verbessern. Und es sollte schließlich darum gehen, Innovation zu fördern. Diese Zwecke erfüllt Kritik in den Wissenschaften nicht immer und nicht unbedingt, insbesondere so genannte „Peer-Review“-Verfahren (also das Begutachten von Arbeiten und Anträgen durch KollegInnen).

Für den Vortrag möchte ich in diesem Zusammenhang drei Thesen zur Diskussion stellen:

1. Kritik dient nicht zuletzt der Selbstdarstellung und Kontrolle und verfehlt damit oft ihren eigentlichen Zweck. Durch Kritik zeigt der/die KritikerIn, wie kompetent er/sie ist und im Falle von Gutachten geht es nicht zuletzt darum, jene zu beeindrucken und ihnen zuzuarbeiten, die solche Gutachten (oder gar Lukrativeres) in Auftrag geben. Dabei ist auch das inzwischen so beliebte „Zitatezählen“ nur ein ungenauer Indikator für Qualität. Vielmehr gilt der Leitsatz: wer negativ zitiert wird, ist berühmt, nicht gut, und wer positiv zitiert wird, ist beliebt, nicht gut. Kritik (auch in ihrer Form als „kritische Würdigung“) dient also dazu, sich selbst durch Verweis auf andere, prominentere KollegInnen aufzuwerten, sich „in ihrem Licht zu sonnen“. Kritik dient aber auch dazu, Kontrolle auszuüben und Abweichung zu sanktionieren. Insofern wirkt sie unmittelbar gegen Pluralismus, der im Wettbewerb der Ideen so wichtig ist. In ihrer harten Form ist sie interessanterweise selten, zumindest im persönlichen Kontakt (weniger in der Anonymität von Gutachten): wissenschaftliche Diskussionen sind oft vielmehr eine Ausgeburt an Höflichkeit. Wer also öffentlich und offen kritisiert wird, wird auf diese Weise darauf hingewiesen, sich außerhalb des herrschenden Paradigmas gestellt zu haben. Kritik prägt damit auch – und das oft mehr vorauseilend als nachahmend – Verhaltensweise und Zielsysteme von WissenschaftlicherInnen und Kritik ist somit die allgemeine Methode, wie der „Club“ Wissenschaft exklusiv gehalten und Gefolgschaft sichergestellt wird oder allgemeiner: wie Macht ausgeübt wird.

2. Mehr noch: so wie Wissenschaft heute strukturiert ist, verhindert Kritik Fortschritt und läuft damit ihrem eigentlichen Zweck sogar zuwider. Es ist offensichtlich, dass es in dieser Konstellation klug ist, Arbeiten vorzustellen, die im herrschenden Paradigmas verankert sind, im Idealfall ganz in der Literatur fundiert sind, die potentiellen KritikerInnen bekannt ist (bzw. die von ihnen stammt) und solchen Fragen nachgehen, die von diesem Personenkreis vorgeschlagen wurden (oder diesen zumindest nachvollziehbar sind). Das ist unmittelbar innovationshemmend und begünstigt den „inkrementalen“ (also sehr kleinen, aufbauenden) Fortschritt gegenüber den mindestens ebenso nötigen Versuchen, etwas grundsätzlich anders zu denken. In der Praxis dient die Kritik dann auch – bewusst oder unbewusst – der Kontrolle auf Mehrheitsfähigkeit und jedenfalls der Lieferung jener Argumente, die im jeweiligen Kontext erwünscht sind: und das können solche zugunsten und solche zuungunsten der Begutachteten sein, je nachdem, ob eine Wissenschaftskultur eher darauf ausgerichtet ist, Fehler vom Typ I oder vom Typ II zu vermeiden (also z.B. eher viel ablehnen, um nichts Schlechtes zu publizieren, oder wenig ablehnen, um nichts Gutes zu übersehen). Wie zahlreiche Studien zeigen, ist der Prozess der Begutachtung ganz Generell vieles, nur sicher nicht neutral im Hinblick auf das Ergebnis. Dieses wirkt aber – und das scheint inzwischen die wichtigste Funktion von Kritik geworden zu sein – als leicht verständliches „Signal“ für Qualität. Im Extremfall überstrahlt die Signalwirkung vergangener Leistungen die Qualität aktueller Arbeiten (wobei oft genug das „Matthäus-Prinzip“ gilt: wer hat, dem wird gegeben). Das hat einen seltsamen Nebeneffekt: es wird immer weniger gelesen, was Qualität hat, aber immer mehr zitiert, dem jemand anderer zu Renommee verholfen hat. Nun hängen Qualität und Renommee vermutlich zusammen, aber weder linear noch störungsfrei und auch beim Zitieren selbst zeigt sich eine weitere Innovationshemmung: hohen „Impakt“ erzielen eher Zusammenfassungen von bereits Bekanntem (das für die Wissenschaftskommunikation sehr wichtig ist), als Innovatives, das oft komplex und spezifisch ist. Noch ein Nachsatz: das Problem der direkten oder indirekten Auftragsforschung ist damit noch nicht einmal angesprochen, ebenso wenig, wie das Schicksal jener Anträge oder Arbeiten, die in engen Forschungsfeldern von ihrer eigenen Konkurrenz begutachtet werden, weil sie sonst niemand mehr „versteht“.

3. Ähnlich verhält es sich in der Gesellschaft, auch wenn hier oft weniger Höflichkeit im Spiel ist – wobei: die Unhöflichkeit ist oft nicht weniger ritualisiert als die Höflichkeit in der Wissenschaft. Da wie dort wagt man aber den großen Schritt nicht mehr, weil er dazu verdammt ist, kritisiert zu werden – und das je mehr, je weiter er führt. Das gilt auch in der Politik und ist damit eine Gefahr für die Demokratie. Große Reformen werden höchstens unter großem Druck (und teils nicht einmal dann) angegangen, ansonsten beschränkt man sich auf kleine, oft nur kosmetische Korrekturen, die möglichst wenig „anecken“. Da wie dort ersetzt zudem bloße Quantifizierung echte Qualitätsüberprüfung, nicht zuletzt, weil ersteres relativ einfach und letzteres relativ schwierig ist (und leichter zu kritisieren!). Zuletzt geht es aber natürlich auch um Macht, in der Politik vielleicht noch mehr als in den Wissenschaften (aber dort auch): vor allem um Definitionsmacht, um die Macht, legtimerweise beurteilen zu dürfen, was gut oder wenigstens zulässig ist (die so genannte „Gatekeeper“-Funktion). Dieses Problem – eng zusammenhängend mit der Frage, wer die Kontrolle kontrolliert – ist als solches nicht zu lösen, aber es sind Gesellschaften (und es ist eine Wissenschaft) denkbar, die mehr um Balance bemüht ist, die mehr Experimentieren zulässt und die auch das Konstruktive im Scheitern begreift.

Zusammenfassend: So flexibel gerade im online-Zeitalter die Wissenschaftslandschaft auch wirkt, so sehr gibt es auf der anderen Seite Beharrungstendenzen und das Verteidigen von Territorium. Und ja: die große Gruppe mag seltener völlig in die Irre gehen (wobei nicht einmal das gewiss ist, sondern von systematischer Verzerrung auszugehen ist), sie ist aber jedenfalls kaum in der Lage, etwas Ungewöhnliches zu tun. Das Ideal der Intersubjektivität einer wissenschaftlichen „Institution“ (wie z.B. einer Zeitschrift), wie das Karl Popper im Gegensatz zur Subjektivität und Irrationalität einzelner WissenschaftlerInnen genannt hat, ist, was der Name schon sagt: ein Ideal. Von der anderen Seite her betrachtet entfaltet es aber eine starke Kraft: das Befolgen von Kriterien, anhand der die eigene Arbeit beurteilt wird, kostet Mühe und Zeit, die bei der eigentlichen wissenschaftlichen Tätigkeit dann möglicherweise fehlt – und das umso mehr, je intransparenter diese Kriterien sind, weil man dann einen größeren Möglichkeitenraum an Anforderungen abdecken muss.

Zum Schluss aber nochmals: ohne Kritik keine Wissenschaft! Doch mit einem Bewusstsein ihrer möglichen schädlichen Konsequenzen und mit einem Sinn für konstruktive Kritik eine bessere Wissenschaft – und Gesellschaft!

(Kurzzusammenfassung des Vortrags von Andreas Exenberger im Rahmen der Ringvorlesung „Kritik und Universität?“ am 17. Mai 2010)

„Mitbestimmung ist nicht effizient (für wen?) – Zur Abschaffung der Demokratie an den Universitäten und was man/frau dagegen tun kann“ (Abstract)

Literaturliste Wolfgang Weber

UOG93_vs_UG2002_URÄG_2009_DEMOKRATIEABBAU

Audioaufzeichnung des Vortrags:

http://dl.dropbox.com/u/6112274/RingVO/wolfgang-weber_mitbestimmung%20ist%20nicht%20effizient%20%28f%C3%BCr%20wen%29.mp3

Zur mitunter großen Überraschung der interessierten Teile der Öffentlichkeit, der Medien, Politiktreibenden und nicht zuletzt vieler DozentInnen und Forschenden nahm die neue Studierendenbewegung „Uni brennt!“ auch die Forderung nach einer Demokratisierung der Hochschulen in Ihre Leitprogrammatik auf. Vor der politischen Durchsetzung des Universitätsgesetzes 2002 verfügte Österreich mit dem UOG 1993 auch im internationalen Maßstab über ein vergleichsweise beachtliches Ausmaß an Mitbestimmungsmöglichkeiten der verschiedenen an Lehre und Forschung beteiligten Interessensgruppen inklusive der Studierenden.

Eine kritische Positionsbestimmung zur inzwischen erfolgten Entdemokratisierung der Universitäten soll zur Reflexion gestellt werden: Mit dem Demokratieabbau wurde den Universitäten bzw. haben die Universitäten eine für den Erhalt und die Entwicklung des demokratischen und sozialen Gesellschaftssystems unverzichtbare Funktion gravierend beschnitten, die in akademischen Leitbildern immer noch anklingt: Die demokratische Sozialisation der Studierenden (und Lehrenden), die Universität als Labor und Garten gesellschaftlicher Demokratie. Im Zuge der Durchsetzung des UG 2002 und der von ihm flankierten europäischen Regelungen erfolgte in der erfahrbaren Praxis eine deutliche Einschränkung von zivilisatorisch-akademischen Errungenschaften wie der „Freiheit von Forschung und Lehre“ sowie der „gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft“ (d.h. Forschung und Lehre unabhängig von Wirtschaftslobbyismus und sonstigen politisch-ökonomischenmedialen Partialinteressen). Dieser Prozess ist besser im Zusammenhang mit der internationalen „neoliberalen“ „Humankapital“-Wende der Wirtschafts-(d.h. Gesellschafts-)politik und der zunehmenden Bedrohung demokratisch-sozialer gesellschaftlicher Grundprinzipien verstehbar.

Im Universitätsbereich spielen abgeleitete Varianten von „neoliberalen“ Managementkonzepten wie „New Public Management“ oder „Total Quality Management“ eine zentrale Rolle in der erfolgten Entdemokratisierung, e-Bürokratisierung sowie Re-Zentralisierung strategischer und taktischer Entscheidungen in Bezug auf Forschung und Lehre, inklusive der Stellenbesetzungen (z.B. Abschaffung des Humboldt’schen Beamtenschutzes, Beschneidung der Rechte der DozentInnen, Schaffung eines akademischen Prekariats, Ausrufung von „Orchideenfächern“) und Ressourcenausstattung. Ironischerweise stehen dem erfahrbaren Entdemokratisierungsprozess Schlagworte wie „Autonomie der Universität“, „Freizügigkeit“, „Flexibilität“, „Mitsprache“ oder „Effizienz“ und „Qualitätssicherung“ gegenüber. Die Zweckfrage „cui bono?“ wird dabei jedoch weniger gern an die genannten instrumentellen Sekundärtugenden gestellt. Dies alles kulminiert in ein panoptisches Gefüge permanenter „Evaluation“, die in hohem Ausmaß an die Stelle von demokratischer kollektiver Reflexion, Planung und Entscheidung hinsichtlich der Universitätsentwicklung und -führung getreten ist.

Einleitend soll kurz der Zusammenhang zwischen charakteristischen Phänomenen und Instrumenten der akademischen Entdemokratisierung mit „neoliberal“ geprägten Versuchen einer radikalen „Ökonomisierung“ von Lebensbereichen, die in demokratischen, sozial regulierten Marktwirtschaften bis vor Kurzem wohlweislich vor einem fundamentalistischen Zugriff entlang sog. „Marktprinzipien“ geschützt wurden (z.B. universitäre Bildung), angedeutet werden. Dabei wird ansatzweise auf Konzepte sozialer Entfremdung aus der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule zurückgegriffen.

Ein Schwerpunkt des Beitrags liegt im Vergleich der Mitwirkungs- und (begrenzten) Mitbestimmungsmöglichkeiten, die das UOG 1993 gegenüber dem UG 2002 noch bot. Diese „Erinnerungen an die Zukunft“ erscheinen sinnvoll, weil das relative Demokratisierungspotenzial des Ersteren nach acht Jahren Umwälzung vermutlich nicht nur vielen Studierenden, sondern auch zahlreichen jüngeren Lehrenden und Forschenden sowie Mitgliedern des akademischen Stabs- und Verwaltungsapparats nicht genügend präsent sein wird.

Weiters sollen Grenzen und Probleme der vorwiegend repräsentativen Mitwirkung und Mitbestimmung akademischer Akteursgruppen (z.B. Kurienprinzip) kursorisch diskutiert werden. Es ist dabei zu prüfen, in wie weit möglicherweise direktdemokratische Praktiken, wie sie in neueren (deliberativen bzw. dynamischen) Demokratietheorien behandelt werden, Anregungen für eine Weiterentwicklung universitärer Demokratie bieten. Dabei kann auch auf die jahrzehntelangen, ambivalenten Erfahrungen demokratischer Wirtschaftsunternehmen (z.B. selbstverwaltete Betriebe in Belegschaftsbesitz), die sich in einem Umfeld aus Konkurrenz und Egoismus behauptet haben, eingegangen werden.

Schließlich sollen die Teilnehmenden der Vorlesung unter Einbringung der Erfahrungen der neuen Studierendenbewegung „Uni brennt“ wenigstens ansatzweise Perspektiven einer längerfristigen Re-Demokratisierung der Universitäten diskutieren und Ideen für die Bildung von legitimen Strategien, Mitteln und Aktionen der Demokratisierung sammeln. Dies kann in kritisch-theoretischer Manier konkret utopisch geschehen, locker orientiert an der Phantasiephase der Jungk & Müllert’schen Zukunftswerkstatt. Dabei wird von der ewigwährenden Anrufung vorgeblicher „existierender Realitäten“ und TINAs („There is no alternative“) bzw. TANTSEs („There are no taxes supporting education“) in Not-wendiger Weise abgesehen.

Somit können folgende Fragen gemeinsam diskutiert werden:

  • Welchem Kalkül, welchen begrifflichen Werkzeugen und welchen Instrumenten folgt(e) die Entdemokratisierung der Universitäten?
  • In welchen Bereichen ist demokratische Mitentscheidung und Mitverantwortung im akademischen Bereich sinnvoll, in welchen nicht? Wie kann bestimmten Schwächen der Mitbestimmung vorgebeugt werden?
  • Welche Wege, Mittel und Interessensgruppen sind in Sicht bzw. können sichtbar gemacht werden, um die Demokratisierung der Universitäten bereits Hier und Jetzt sowie auch langfristig gesellschaftlich voranzutreiben?
  • Welche alternativ-kulturellen Praktiken (in der Bandbreite z.B. zwischen parlamentarischer Politik, BürgerInneninitiativen und alltagskünstlicher Aktionen) braucht es, um das Dornröschen Demokratisierung immer wieder schneller in uns und Anderen zu erwecken?

(Abstract zum Vortrag von Wolfgang Weber im Rahmen der Ringvorlesung „Kritik und Universität?“ am 31. Mai 2010)

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang G. Weber, geb. 1957, ab 1978 Studium der Psychologie an der Universität Tübingen und der TU Berlin, Soziologie an der FU Berlin. 1985 Dipl.-Psych., 1985-1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Humanwissenschaft in Arbeit und Ausbildung der TU Berlin, 1991 Dr. phil., TU Berlin; 1992-2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitspsychologie der ETH Zürich, dort 1996 Habilitation und Privat-Dozent. 1997/1998 Vertretungsprofessur für Arbeits- Betriebs- und Organisationspsychologie an der Universität Konstanz. Seit 2000 Univ.-Professor für Angewandte Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Forschungsschwerpunkte: Organisationale Partizipation und demokratische Unternehmen, ethisches Unternehmensklima, Sozialisation sozialer und moralischer Kompetenz, Tätigkeitspsychologie des Alltagshandelns, soziale Entfremdung, Arbeitsanalyse und -gestaltung.

Die Bedeutung der Kritik in den Naturwissenschaften (Abstract)

Ich gehe in meinem Vortrag von drei Thesen aus:

1. Naturwissenschaften stehen der Kritik besonders offen gegenüber. Das mag – etwa für Geisteswissenschaftlerinnen – seltsam klingen, da Naturwissenschaftler meist nicht als Kritiker z.B. an gesellschaftlichen Verhältnissen wahrgenommen werden, aber die Begründung dafür ist relativ einfach: jede ihrer Hypothesen und Theorien muss der schärfsten Kritikerin und Richterin, nämlich der Realität, standhalten. Wir können zwar diskutieren, welche Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung mit dem Klimawandel besser zurechtkommen wird – ja man kann sogar diskutieren, ob es den Klimawandel überhaupt gibt und ob CO2 tatsächlich ein Treibhausgas ist. Dass die Ozeane jedoch versauern, weil wir CO2 in die Atmosphäre blasen, ist ein (messbares, quantifizierbares) Faktum, an dem unsere weltanschauliche Einstellung nichts ändert. Die Geschichte der Naturwissenschaft ist voll von Sackgassen, falschen Annahmen und absurden Hypothesen, die am Ende falsifiziert oder ad acta gelegt wurden. An dieser Stelle sollten wir bedenken, dass die Forderung Sir Karl Poppers, Hypothesen müssen falsifizierbar sein, an der Realität vorbeigeht. Viele Hypothesen lassen sich nicht falsifizieren (und schon gar nicht verifizieren), viele sind mit der Zeit einfach „verschwunden“, d.h. sie wurden gegenstandslos, die Voraussetzungen existierten irgendwann nicht mehr, andere Ideen und Paradigmen waren moderner, erfrischender, nützlicher und – prima di tutto – realistischer. Das Diktum, die Größe eines Wissenschaftlers (hier sind Frauen eher nicht gemeint) lasse sich daran messen, um wie viele Jahre er das Aufkommen einer alternativen Theorie verhindern könne, nimmt auf diese Aussage – die Realität als ultimative Kritikerin – Bezug. Dass wir DIE Theorie der Biologie, die Evolutionstheorie, nicht überprüfen können, da wir nur ein einziges Beispiel vor Augen haben und – bisher – kein Kontrollexperiment auf einem anderen Planeten durchführen konnten, ist ein Wermutstropfen. Aber wir sind noch nicht am Ende der Geschichte.

2. Kritik in den Naturwissenschaften ist belegbar und quantifizierbar. Dieser Punkt bezieht sich auf Galilei und seine Forderung nach Messbarkeit, denn Kritik kann ja nicht nur die Meinung einer anderen Person sein, sondern muss der Wirklichkeit standhalten. Auf diesem Gebiet sind die Naturwissenschaften den Geisteswissenschaften seit 400 Jahren voraus. Das beste Beispiel dafür sind die Impactfaktoren von Zeitschriften, die Zitationshäufigkeiten und der so genannte h-Index, benannt nach einem Physiker namens Hirsch. Dieser Index quantifiziert die Bedeutung eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin (schwierig wird‘s nur dann, wenn sie Mayr, Janson oder Williams heißen oder seltsame Umlaute und Sonderzeichen im Namen führen). Der Hirsch-Index gibt uns einen Anhaltspunkt (d.h. eine Zahl!), wie produktiv jemand ist. Man kann seinen h-Index steigern, indem man sehr viel publiziert – aber nur, wenn das Geschriebene von anderen gelesen (also zitiert) wird. Um diesen Wert zu ermitteln, werden die Publikationen nach der Häufigkeit ihrer Zitierungen aufgelistet, also ganz links die am häufigsten zitierten und rechts außen die selten oder nie zitierten, was eine schöne Kurve ergibt. Zwischen Akzeptanz und Ablehnung wird dabei nicht unterschieden, d.h. Naturwissenschaftler sind also auch in dieser Hinsicht besonders kritisch – sie zählen auch einen Verriss als Kritik.

3. Naturwissenschaftliche Kritik ist (oft) disziplinär. Das Dilemma mit der Kritik in der Naturwissenschaft besteht meiner Meinung nach darin, dass Naturwissenschaftlerinnen (Männer sind mit gemeint) Kritik oft als disziplinäre und Methodenkritik verstehen, d.h. sie bleiben in ihrem Bereich gefangen und verstehen gesellschaftliche Kritik an ihren Entdeckungen und Produkten als unerlaubten Eingriff oder als Zumutung. Mein Beispiel sind hier die genmanipulierten Lebensmittel. Wenn es gelingt, einen stabilen, gegen Schädlinge resistenten und für verschiedene Klimabereiche geeigneten „goldenen Reis“ (der alle essentiellen Aminosäuren enthält und Mangelernährung verhindern kann) zu entwickeln, ist das ein großartiger Erfolg – nicht nur für die Wissenschaft, sondern für die Ernährungssituation der Menschheit. Wenn dieser Reis den Bauern jedoch nicht frei zur Verfügung steht, sondern von Firmen wie Monsanto monopolisiert wird, um Aktionäre zu bereichern, verkehrt sich das Potential der Gentechnik in ihr Gegenteil. Aus einem wissenschaftlichen Erfolg wird ein Verbrechen. Wessen man Forscherinnen und Forschern (die in Privatfirmen wie in öffentlichen Institutionen im Prinzip dieselben Methoden anwenden) beschuldigt, nämlich der Zerstörung von Ressourcen, von natürlichen oder Sozialsystemen durch „die Naturwissenschaft“, ist in Wirklichkeit eine Kritik an einem gesellschaftlichen System, in dem Privatbesitz und Geldgier einen höheren Rang einnehmen als sozial verträgliche Verhaltensweisen.

Ich möchte an mehreren Beispielen die Formen und Auswirkungen der Kritik in den Naturwissenschaften beleuchten, wobei ich vor allem in meiner Disziplin, der Biologie bleiben werde. Natürlich (sic!) gibt es Unterschiede zwischen Physik und Biologie, aber auch (geo-)physikalische Wissenschaften wie die Meteorologie und die Klimatologie sind zu komplex, als dass man einfache Antworten auf einfache Fragen bekommen könnte, und Klimaszenarien lassen sich nicht einfach falsifizieren.

Interessanter – und meiner Meinung nach nicht nur aus Sicht der Naturwissenschaften – ist die Tatsache, dass Astrophysikerinnen heute zugeben müssen, dass sie über das, was das Universum zusammenhält (oder auseinandertreibt!), nämlich über die dunkle Materie und die dunkle Energie, nichts wissen: man kann das beschämt (als Physiker), mit Häme (z.B. aus der Position eines Vertreter der so genannten „weichen“ Wissenschaften) oder sehr relaxed (z.B. als Biologe oder als Geisteswissenschaftlerin) aufnehmen: vielleicht haben wir bisher die Unterschiede zwischen den Wissenschaftsdisziplinen doch zu sehr betont (und der wahre Unterschied besteht hauptsächlich darin, ob wir uns mit praktischer und pekuniär verwertbarer Anwendung oder aber mit Grundlagenwissenschaft beschäftigen)?

Was die generelle Kritik, d.h. Bedingungen der Überprüfbarkeit (hypothesis driven research) betrifft, sehe ich ein gewisses Dilemma, das sich auch bei der Forschungsförderung manifestiert: es gibt viele Bereiche der Natur- und Geisteswissenschaften, in denen ich keine Hypothesen überprüfen kann, sondern noch explorativ unterwegs bin. Nebenbei bemerkt: dass praktisch alle vom FWF genehmigten Projekte ihr Ziel erreichen sollte uns eher verwundern als freuen.

(Abstract zum Vortrag von Roland Psenner im Rahmen der Ringvorlesung „Kritik und Universität?“ am 26. April 2010)

Powerpoint-Präsentation zum Vortrag

Link zum Audiomitschnitt:

http://dl.dropbox.com/u/6112274/RingVO/psenner_kritik%20i%20d%20naturwissenschaften.mp3

Nachhaltige Kritik wächst aus der Selbstkritik: Über die Aufgabe der Theologie in der modernen Universität (Abstract)

Die neutestamentliche Erzählung von der verhinderten Steinigung der Ehebrecherin (Joh 7,53–8,11) bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen über den biblischen Zugang zum Thema Kritik, weil in ihr jene kulturgeschichtliche Revolution deutlich wird, die die Welt der archaischen Mythen von unserer modernen Welt grundsätzlich unterscheidet. In der Welt der archaischen Mythen fokussierte sich alle Kritik auf den Sündenbock, der vertrieben wurde, um dadurch den Frieden des Kollektivs der Verfolger zu stabilisieren. Der individuelle Ausbruch aus dem Mob der Verfolger beginnt hingegen mit der Frage nach der eigenen Schuld, mit Selbstkritik: „Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie!“ In einem zweiten Schritt wird diese Erzählung auf die Tradition der prophetischen Kritik im Judentum zurückgeführt, in der ebenso das Moment der Selbstkritik im Zentrum stand. Ein dritter Schritt führt am Beispiel des ersten Gebots – „Du sollst keine andern Götter neben mir haben!“ – und seiner Auslegung durch den protestantischen Theologen Karl Barth zur Zeit des Nationalsozialismus in die kritische Aufgabe des theologischen Denkens ein. Im Zentrum steht die Kritik aller Formen von (politischem) Götzendienst. In einem abschließenden Schritt werden die biblischen und theologischen Überlegungen für die Frage nach dem Verhältnis von Kritik und Universität fruchtbar gemacht.

(Abstract zum Vortrag von Wolfgang Palaver im Rahmen der Ringvorlesung „Kritik und Universität?“ am 19. April 2010)

Powerpoint-Präsentation zum Vortrag

Kurzbiographie:

Wolfgang Palaver ist seit 2002 Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Seit 2006 leitet er außerdem die Arbeitsgemeinschaft „Religion – Politik – Gewalt“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und seit 2007 ist er Präsident des „Colloquium on Violence & Religion“. Ausgewählte Publikationen: Politik und Religion bei Thomas Hobbes, Innsbruck 1991; Die mythischen Quellen des Politischen, Stuttgart 1998; René Girards mimetische Theorie, Münster 32008. Herausgeber von Centesimo anno. 100 Jahre Katholische Soziallehre, Thaur 21991; Passions in Economy, Politics, and the Media, Münster 2005; Aufgeklärte Apokalyptik: Religion, Gewalt und Frieden im Zeitalter der Globalisierung, Innsbruck 2007; Westliche Moderne, Christentum und Islam. Gewalt als Anfrage an monotheistische Religionen, Innsbruck 2008; Im Wettstreit um das Gute. Annäherungen an den Islam aus der Sicht der mimetischen Theorie, Wien 2009.

Literatur:

Barth, Karl: Das erste Gebot als theologisches Axiom (1933). In: Schriften I: Dialektische Theologie. Frankfurt am Main 2009, 392-412.

Butterfield, Herbert: Christentum und Geschichte. Übersetzt von S. Erdmann. Stuttgart 1952.

Niebuhr, Reinhold: The Nature and Destiny of Man: A Christian Interpretation (Library of theological ethics). Louisville, Ky. 1996.

––: The Irony of American History. Chicago 2008.

Palaver, Wolfgang: René Girard: Die mimetische Theorie. In: Philosophische Meisterstücke II. Hrsg. von E. Martens, E. Nordhofen und J. Siebert. Stuttgart 2001, 188-206.

Schwager, Raymund/Palaver, Wolfgang: Ohne Theologie / Religion lösen sich die Human- und Geisteswissenschaften in Beliebigkeit auf! (?). In: Wissenschaft und Verantwortlichkeit 1996. Die Wissenschaft – eine Gefahr für die Welt? Eine Veröffentlichung des Senatsarbeitskreises „Wissenschaft und Verantwortlichkeit“ an der Universität Innsbruck. Hrsg. von H. Barta und E. Grabner-Niel. Wien 1996, 245-268.

Wolfgang Palaver ist seit 2002 Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Seit 2006 leitet er außerdem die Arbeitsgemeinschaft „Religion – Politik – Gewalt“ der Österreichischen Forschungsgemeinschaft und seit 2007 ist er Präsident des „Colloquium on Violence & Religion“. Ausgewählte Publikationen: Politik und Religion bei Thomas Hobbes, Innsbruck 1991; Die mythischen Quellen des Politischen, Stuttgart 1998; René Girards mimetische Theorie, Münster 32008. Herausgeber von Centesimo anno. 100 Jahre Katholische Soziallehre, Thaur 21991; Passions in Economy, Politics, and the Media, Münster 2005; Aufgeklärte Apokalyptik: Religion, Gewalt und Frieden im Zeitalter der Globalisierung, Innsbruck 2007; Westliche Moderne, Christentum und Islam. Gewalt als Anfrage an monotheistische Religionen, Innsbruck 2008; Im Wettstreit um das Gute. Annäherungen an den Islam aus der Sicht der mimetischen Theorie, Wien 2009.

Über Wettbewerb, Wissen und Wahrheit – die Reproduktion von Machtverhältnissen durch universitäre Praxis (Abstract)

Artikel von Brigitte Kratzwald: Für eine solidarische Universität in einer solidarischen Gesellschaft (S. 15-18)
In: Plattform Massenuni (Hg.): Jenseits von Humboldt. Von einer Kritik der Universität zu einer Solidarischen Ökonomie des Wissens. Workshop, Dokumentation & theoretische Hintergründe – eine Textsammlung.

Folien zum Vortrag: kratzwald – wettbewerb wissen wahrheit

Downloadlink zu Vortrag und Anschlussdiskussion

Hegemoniale Diskurse entfalten ihre Machtwirkung in entsprechenden Gesetzen, Institutionen und Praktiken, die auch die Subjekte hervorbringen, die zu ihrer Umsetzung und Reproduktion notwendig sind. Universitäten kommt in diesem Machtdispositiv eine besondere Rolle zu. Einerseits wird ihnen eine hohe Definitionsmacht zugeschrieben. Auf Grund der wissenschaftlich anerkannten Methoden der Wissensproduktion haben sie die Macht zu bestimmen, welches Wissen als gesellschaftlich anerkannte Wahrheit gilt und dementsprechend auch welche Wissensinhalte, welche Diskurse, systematisch ausgegrenzt und damit unsichtbar gemacht werden. Außerdem bilden sie die zukünftigen Eliten aus, diejenigen also, die in Politik und Wirtschaft – und auch wieder in der Lehre – dieses Wissen anwenden und reproduzieren sollen. Dadurch werden die ständige Reproduktion von hegemonialem Wissen und der Ausschluss von konkurrierendem Wissen auf Dauer sichergestellt. Universitäten spielen also eine zentrale Rolle bei der Reproduktion von Machtverhältnissen in einer Gesellschaft – und also auch für die Reproduktion des kapitalistischen Systems.

Ausgehend von dieser These können Möglichkeiten und Grenzen einer kritischen Universität ausgelotet und Fragen widerständigen Handelns innerhalb und außerhalb der Universitäten diskutiert werden.

(Abstract zum Vortrag von Brigitte Kratzwald im Rahmen der Ringvorlesung „Kritik und Universität?“ am 28. Juni 2010)

Kurzbiographie:

Brigitte Kratzwald studierte Sozialpädagogik an der Universität Graz, arbeitet als Sozialwissenschaftlerin in Graz. Theoretischer Ausgangspunkt sind das Konzept der Gouvernementalität von Foucault, Theorien des autonomen Marxismus und feministische Theorien. Schwerpunktthemen: Sozialstaat, Neoliberalismus, Gouvernementalität und Subjektformierung und soziale Bewegungen.